Strukturqualitätskriterien für Interdisziplinäre Schmerzeinrichtungen

Interdisziplinäre Schmerztherapie (IDST): Definition

Abgestufte Versorgungsplanung mit speziellen Strukturen der Schmerzpatientenversorgung auf ambulanter, tagesklinischer und stationärer Ebene sowie über Konsiliar-Liaison-Dienste für Patientinnen und Patienten mit Schmerzzuständen, bei denen die ausgeschöpfte Primärversorgung sowie fachspezifische Ambulanzen und Stationen keine ausreichende Versorgung bieten können.

- Ambulanter Versorgungsbereich

  1. Interdisziplinäre Schmerzpraxis

  2. Interdisziplinäre Schmerzambulanz

- Tagesklinischer Versorgungsbereich

  3. Interdisziplinäre Schmerztagesklinik

- Stationärer Versorgungsbereich

  4. Interdisziplinäres Schmerzzentrum in der Akutkrankenanstalt

  5. Konsiliar-Liaison-Diens

Zielgruppen

Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen ab Chronifizierungsgrad II b (Einstufung des Chronifizierungsgrades gemäß Mainzer Stadien-Modell), die über die existierenden Versorgungsangebote keine ausreichende Schmerzbehandlung finden:

  • Chronisch schmerzkranke Patientinnen und Patienten, bei denen der Schmerz seine Leit- und Warnfunktion verloren und sich zu einem eigenständigen Krankheitsbild entwickelt hat
  • Patientinnen und Patienten, die z. B. an Schmerzen des Stütz- und Bewegungsapparates, chronischen Kopf- und Gesichtsschmerzen, Ischämieschmerzen, medikamenteninduzierten Schmerzen, neuropathischen Schmerzen, sympathischen Reflexdystrophien, somatoformen Schmerzstörungen, Tumorschmerzen etc. leiden.

1. Interdisziplinäre Schmerzpraxis

Versorgungsstrukturen

  • Praxis/Praxisverbund schwerpunktmäßig zur Behandlung chronischer Schmerzpatientinnen/-patienten
  • Interdisziplinäres Kooperationsmodell mehrerer Fachrichtungen und weiterer schmerzrelevanter Berufs­gruppen (Klinische Psychologie, Physiotherapie)
  • Ärztinnen/Ärzte ohne ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“ können Kooperationspartner/innen sein,
    ohne selbst eine „Interdisziplinäre Schmerzpraxis“ führen zu dürfen; andererseits berechtigt der Erwerb des ÖÄK-Diploms „Spezielle Schmerzmedizin“ allein nicht zum Führen der Bezeichnung „Interdisziplinäre Schmerzpraxis“
  • Organisation und/oder Teilnahme an interdisziplinären Schmerzkonferenzen (acht pro Jahr)

Personalausstattung

  • Allgemeinmedizinerin/-mediziner oder FÄ / FA mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“
  • Weitere schmerzrelevante Berufsgruppen (FÄ / FA für PSY oder Ärztin / Arzt für Psychotherapeutische Medizin (PsyIII) mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin oder Klinische Psychologin / Klinischer Psychologe oder Psychotherapeut/in mit besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten in der Schmerztherapie im Rahmen eines interdisziplinären Kooperationsmodells)

2. Interdisziplinäre Schmerzambulanz

Versorgungsstrukturen

  • Ambulanz schwerpunktmäßig zur Behandlung chronischer Schmerzpatientinnen/-patienten
  • Zuweisung durch niedergelassenen Bereich oder andere Klinikabteilungen
  • Interdisziplinäre Kooperation mit anderen Berufsgruppen
  • Organisation und/oder Teilnahme an interdisziplinären Schmerzkonferenzen (acht pro Jahr)

Dimensionierung

  • Je schmerztherapeutisch qualifizierter Ärztin / qualifiziertem Arzt max. 300 Patientinnen/Patienten (Erst- und Kontakttermine) pro Quartal (vgl. Kayser, H., Thoma, R., Mertens, E., et al.: Struktur der ambulanten Schmerztherapie in Deutschland, 2008)

Personalausstattung

  • Kernteam bestehend aus mindestens zwei spezialisierten FÄ verschiedener Fachrichtungen mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“
  • Mindestens eine FÄ / ein FA für PSY oder Ärztin / Arzt für Psychotherapeutische Medizin (PsyIII) mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“ oder eine Klinische Psychologin / ein Klinischer Psychologe oder eine Psychotherapeutin / ein Psychotherapeut mit besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten in der Schmerztherapie
  • Mindestens eine Physiotherapeutin / ein Physiotherapeut
  • DGKS/DGKP mit besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten in der Pflege von Schmerzpatientinnen/-patienten
  • Mindestens eine administrative Mitarbeiterin / ein administrativer Mitarbeiter für patientenbezogene Aufgaben (Patientenleitstelle, Sekretariat, Schreibkraft)

3. Interdisziplinäre Schmerztagesklinik

Versorgungsstrukturen

  • Angebot von multimodalen, tagesklinischen Programmen zur Behandlung chronischer Schmerzpatien­tinnen/-patienten
  • Evidenzbasierte, strukturierte Block- und Intervalltherapieprogramme für Gruppen (max. zehn Patientinnen/Patienten) mit kombinierter Einzel- und Gruppentherapie
  • Vorzugsweise Patientengruppen mit ähnlichen Schmerzsymptomen (homogene Gruppen) wie Kopf-, Rücken- und Nackenschmerzen
  • Umsetzung des Erlernten im Alltag und Evaluierung des Erfolgs der Trainingsprogramme
  • Organisation und/oder Teilnahme an interdisziplinären Schmerzkonferenzen (acht pro Jahr)

Dimensionierung

  • Schmerztagesklinik mit zehn bis zwanzig Betten an einem Standort
  • Strukturierte Blockprogramme für jeweils acht bis zehn Patientinnen/Patienten mit durchschnittlich 17 Arbeitstagen (= drei bis vier Wochen), abhängig von Krankheitsbild oder Schmerzpatientin/Schmerz­patient

Personalausstattung

  • Mindestens zwei spezialisierte FÄ verschiedener Fachrichtungen mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“
  • Mindestens eine FÄ / ein FA für PSY oder Ärzt / Arzt für Psychotherapeutische Medizin (PsyIII) mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“ oder eine Klinische Psychologin / ein Klinischer Psychologe oder eine Psychotherapeutin / ein Psychotherapeut mit besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten in der Schmerztherapie
  • Mindestens eine Physiotherapeutin / ein Physiotherapeut
  • Mindestens eine Ergotherapeutin / ein Ergotherapeut
  • Mindestens eine Klinische Sozialarbeiterin / ein Klinischer Sozialarbeiter
  • Mindestens eine administrative Mitarbeiterin / ein administrativer Mitarbeiter für patientenbezogene Aufgaben (Patientenleitstelle, Sekretariat, Schreibkraft)
  • Sicherstellung von interdisziplinärer Zusammenarbeit mit weiteren Fachbereichen

4. Interdisziplinäres Schmerzzentrum in der Akutkrankenanstalt

Versorgungsstrukturen

  • Spezialisierte interdisziplinäre schmerztherapeutische Einrichtung im Rahmen bestehender bettenführender Abteilungen oder als eigenständige Organisationsstruktur
  • Identifizierung des interdisziplinären Schmerzzentrums durch speziellen Funktionscode in der KA-Statistik
  • Stationäre Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzpatientinnen/-patienten
  • Kontinuierliche interdisziplinäre Zusammenarbeit
  • 24-Stunden-Dienst einer Fachärztin / eines Facharztes aus dem Kernteam „Schmerz“
  • Spezifische Forschungstätigkeit
  • Organisation und/oder Teilnahme an interdisziplinären Schmerzkonferenzen (acht pro Jahr)

Dimensionierung

  • Mindestens ein interdisziplinäres Schmerzzentrum pro Versorgungszone
  • Zehn bis vierzig Betten an einem Standort; durchschnittliche Belagsdauer 16 Tage;
    Schaffung von IDST-Betten durch Umwidmung bestehender Akutbetten anderer Bereiche

Personalausstattung

Mindestanforderungen und Zahl der Vollzeitäquivalente des Kernteams sind von der jeweiligen Bettenzahl abhängig

  • Mindestens drei spezialisierte FÄ verschiedener Fachrichtungen mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerz­medizin“
  • Die ärztliche Leitung soll von den beteiligten Fachabteilungen in einem dreijährigen Rotationszyklus interdisziplinär besetzt werden
  • Mindestens eine FÄ / ein FA für PSY oder Ärzt / Arzt für Psychotherapeutische Medizin (PsyIII) mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“ oder eine Klinische Psychologin / ein Klinischer Psychologe oder eine Psychotherapeutin / ein Psychotherapeut mit beson­deren Kenntnissen und Fertigkeiten in der Schmerztherapie
  • Mindestens eine Physiotherapeutin / ein Physiotherapeut
  • Mindestens eine Ergotherapeutin / ein Ergotherapeut
  • Mindestens eine Klinische Sozialarbeiterin / ein Klinischer Sozialarbeiter
  • DGKS/DGKP mit besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten in der Pflege von Schmerzpatientinnen/-patienten (entsprechend der Bettenzahl)
  • Administrative Mitarbeiter/innen für patientenbezogene Aufgaben wie Patientenleitstelle, Sekretariat, Schreibkraft (entsprechend der Bettenzahl)
  • Sicherstellung von interdisziplinärer Zusammenarbeit mit weiteren Fachbereichen

Räumliche Ausstattung

Voraussetzung ist eine selbstständige Einheit mit einer ärztlichen Leiterin / einem ärztlichen Leiter und mindestens zwei spezialisierten FÄ verschiedener Fachrichtungen mit ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerzmedizin“ und einer FÄ / einem FA für PSY oder Ärztin / Arzt für Psychotherapeutische Medizin (PsyIII) oder einer Klinischen Psychologin / einem Klinischen Psychologen oder einer Psychotherapeutin / einem Psychotherapeuten mit besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten in der Schmerztherapie, die in Vollzeit die Patientinnen/Patienten des Schmerzzentrums betreu

6. Schmerzmedizinisches Leistungsangebot

entsprechend den Leitlinien mit ihren diagnostischen und therapeutischen Algorithmen:

Interdisziplinäre standardisierte Diagnostik

  • Standardisierte Schmerzanamnese gemäß bio-psycho-sozialem Modell
  • Fachübergreifende klinische und technische Untersuchung der Schmerzpatientin bzw. des Schmerz­patienten
  • Differenzialdiagnostische Abklärung der Schmerzkrankheit
  • Erhebung von Schweregrad und Chronifizierungsgrad der Schmerzerkrankung

Interdisziplinäre standardisierte Therapie (zumindest die Hälfte der Punkte erfüllt)

  • Medikamentöse Therapie (z. B. individuelle medikamentöse Einstellung, angelehnt an den von der WHO empfohlenen Stufenplan)
  • Medikamentenentzugstherapie
  • Invasive Techniken (z. B. Nervenblockaden, operative Verfahren)
  • Psychiatrische und/oder klinisch-psychologische und/oder psychotherapeutische Behandlung
  • Physikalische Medizin (z. B. Trainingstherapie, Selbsthilfetraining Nervenstimulation)
  • Strahlentherapie
  • Komplementäre Therapieverfahren (z. B. Neuraltherapie)
  • Edukative Maßnahmen (z. B. interdisziplinäre Aufklärung und Information)
  • Klinische Sozialarbeit