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eine Frau mit türkisem Trägertop sitz am Strand und meditiert, mit dem Rücken zur Kamera, im Hintergrund sieht man das Meer, die Wellen schlagen ans Ufer

    25.4.2017 - Stellungnahme der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) zum Artikel „Österreich, Land der Schmerzhemmer“ vom 24. April 2017 in der Tageszeitung „Der Standard“

    >> Artikel im "der Standard"

    Wie Sie richtig in Ihrem Artikel festgestellt haben, ist das Problem primär in den USA (tlw. auch in Australien) zu finden. Es stimmt auch, dass aggressive Werbung durch die Pharmaindustrie das Problem verschärft hat. Knapp vor der Jahrtausendwende wurde massiv begonnen, den Einsatz von Opioiden bei nichttumorbedingten Schmerzen zu empfehlen, mit bis heute nicht nachgewiesener Evidenz in dieser Indikation (< 5 % aller Schmerzpatienten haben als Ursache ihrer Schmerzen einen Tumor, mind. 95% leiden unter nichttumorbedingten Schmerzen – v.a. des Bewegungsapparates).

    Die FDA hat 2013 wegen der von Ihnen beschriebenen Situation in den USA versucht, die Notbremse zu ziehen und hat den Zugang für nichttumorbedingte Schmerzen eingeschränkt.

    2014 ist nun auch das Council of the European Union aktiv geworden und hat die europäischen Gesundheitsministerien kontaktiert, um allgemeine Definitionen und Indikatoren für Missbrauch von Substanzen (im Speziellen Opioide) in der EU festzulegen. Das österreichische Bundesministerium hat dieses Anliegen an diverse Fachgesellschaften, u.a. an die Österreichische Schmerzgesellschaft weitergeleitet. Wir sind auch umgehend aktiv geworden und haben innerhalb von 4 Monaten gemeinsam mit der Austrian Society for Addiction Medicine ein Positionspapier zum Einsatz von Opioiden bei tumor- und nichttumorbedingten Schmerzen erstellt: www.oesg.at/index.php 46b8af85dd7e77501cb51a2

    Dieses Positionspapier wurde umgehend an das Bundesministerium geschickt und im Mai 2015 auf unserer wissenschaftlichen Tagung in Krems vorgestellt. Darin wurde besonders auf die regelmäßige Evaluierung der sogenannten 4S hingewiesen:

     

    • Schmerzlinderung – gibt es überhaupt eine Schmerzlinderung durch den Einsatz von Opioiden
    • Sicherheit – wie sehr ist der Patient durch Nebenwirkungen beeinträchtigt
    • Soziale Teilhabe – gibt es Verbesserungen in Lebensqualität bzw. Aktivität
    • Substanzproblematik – gibt es Hinweise für den problematischen Gebrauch

    Das Bundesministerium hat leider diese Publikation nicht weiter aufgegriffen und die ÖSG alleine konnte nur einen geringen Teil der Ärzteschaft erreichen.

    Das Ziel der ÖSG ist der verantwortungsvolle Einsatz von Opioiden und der weiterhin problemlose Zugang zu diesen wichtigen Arzneimitteln. Wir wollen auch verhindern, dass durch falschen Einsatz ähnliche Prozesse wie in den USA in Gang gesetzt werden.

    Österreich gehört zu den wenigen Ländern mit adäquatem Zugang zu Opioiden (laut WHO!). Ca. 80% der Weltbevölkerung hat keinen adäquaten Zugang zu diesen Medikamenten, was zur Folge hat, dass mehr als 500 Mio. Menschen/Jahr weltweit ohne zufriedenstellende Schmerztherapie an ihrer Tumorerkrankung versterben (laut WHO).

    Leider passt diese Situation genau zur schlechten Versorgung von Schmerzpatienten in Österreich. Es ist viel einfacher Schmerzmittel zu verschreiben, als Patienten einer sinnvollen multimodalen Schmerztherapie zuzuführen.

    Das Angebot an multimodaler Schmerztherapie wurde in Deutschland zwischen 2006 und 2014 verdoppelt (Barmer Ersatzkrankenkasse). Im gleichen Zeitraum wurde das Angebot in den schmerztherapeutischen Einrichtungen in Österreich reduziert oder Schmerzambulanzen komplett geschlossen. Eine strukturierte Versorgungspyramide vom schmerzmedizinischen Zentrum bis zu Therapieangeboten im niedergelassenen Bereich scheitert an der Ignoranz der Verantwortlichen im Gesundheitssystem.

    Wien, 25.04.2017


    >> Brief als PDF