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eine Frau mit türkisem Trägertop sitz am Strand und meditiert, mit dem Rücken zur Kamera, im Hintergrund sieht man das Meer, die Wellen schlagen ans Ufer

Fibromyalgiesyndrom

Der Begriff Fibromyalgie bedeutet wörtlich übersetzt „Faser-Muskel-Schmerz“. Da von diesen Schmerzen betroffene PatientInnen immer nicht nur an einem Schmerz an einer Lokalisation (= ein Symptom), sondern auch gleichzeitig an anderen Symptomen (s.u.) leiden, wählt man den Übergriff Fibromyalgiesyndrom. Ein Syndrom ist eine Erkrankung mit mehreren Symptomen. Das Fibromyalgiesyndrom wird nachfolgend mit FMS abgekürzt. Trotz unseres Wissenszuwachses ist über das FMS noch sehr vieles unbekannt, aber es gibt auch Fakten, die heute als gesichert gelten. In länger zurückliegenden Jahrzehnten wurden diese Beschwerden oft als „Weichteilrheumatismus“ bezeichnet, wobei man heute weiß, dass FMS überhaupt nichts mit Rheuma zu tun hat. Es gibt nach wie vor Ärzte, die behaupten, die Fibromyalgie oder das FMS gäbe es als Erkrankung nicht. Diese Behauptung ist falsch. In der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“, erstellt von der Weltgesundheitsorganisation, WHO, ist die Fibromyalgie aufgeführt. Andere Ärzte und/oder Psychotherapeuten behaupten, dass das FMS eine psychiatrische bzw. psychosomatische Erkrankung ist. Auch diese Behauptung ist falsch. Es ist aber richtig, dass bei FMS-PatientInnen häufig auch seelische bzw. psychische Störungen vorliegen. In den westlichen Industrienationen sind etwa 4% der Bevölkerung, überwiegend Frauen, meist im Alter zwischen 40-60 Jahren von der Erkrankung betroffen, In geringem Maße können auch Männer (jeden Alters), jüngere Frauen sowie Kinder und Jugendliche an FMS erkranken. FMS ist eine unangenehme Erkrankung, aber es ist nicht gefährlich und schon gar nicht lebensbedrohlich. Betroffene haben die gleiche Lebenserwartung wie andere, die ein FMS nicht haben.

Symptome des FMS

Betroffene PatientInnen leiden an chronischen Schmerzen nicht nur an einer, sondern an mehreren Körperstellen, so z.B. am Rücken, im Nacken, an der Schulter und gleichzeitig im Brustbereich oder Bauch und gleichzeitig auch an mindestens einer Stelle an beiden Armen und beiden Beinen. Die PatientInnen berichten ebenfalls von stärkerer körperlicher und geistiger Erschöpfung, innerer Unruhe, Nervosität, geringer Belastbarkeit, Niedergeschlagenheit, Antriebsverlust, Schlafstörungen und dem morgendlichen Gefühl nicht ausgeschlafen zu sein. Weitere körperliche Beschwerden betreffen den Magen-Darm-Trakt (z.B. empfindlicher Magen, Reizdarm mit Wechsel von Durchfall und Verstopfung, geblähter Bauch) und die Blase (Reizblase, Neigung zu Blasenentzündungen) und Herz und Lunge. Meist sind auch Überempfindlichkeiten vorhanden wie Schmerz bei leichter Berührung oder leichtem Druck auf die Haut, auf bestimmte Muskelpartien und Sehnenansätze an Gelenken (häufig als Triggerpunkte bezeichnet). Die Überempfindlichkeit kann auch die Augen betreffen, oder sich in verstärkter oder veränderter Geräusch- und Geruchswahrnehmung äußern.

Ursachen und Krankheitsmechanismen des FMS

Es gibt nicht „die“ Ursache für ein FMS, sondern ein FMS kann offensichtlich auf viele verschiedene Ursachen zurückzuführen sein. Andererseits gibt es auch andere genau definierte Erkrankungen, die ähnliche oder identische Einzelsymptome des FMS aufweisen. Das macht die Diagnostik des FMS schwierig. Experten gehen heute davon aus, dass verschiedene biologische (körperliche), psychologische und soziale Faktoren zur Entstehung und Chronifizierung des FMS beitragen. Bei der FMS gibt es oft eine familiäre Häufung, d.h. es tritt bei mehreren Familienmitgliedern auf. Ob dieses Phänomen auf Mechanismen der Vererbung und/oder psychologischen Faktoren (z.B. Nachahmung, Lernmechanismen, Rollenverhalten) basiert ist heute noch nicht zuverlässig geklärt. Man weiß allerdings, dass Rauchen, Übergewicht, mangelnde körperliche Aktivität, entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Stress am Arbeitsplatz, unter Umständen auch körperliche Misshandlungen zur Entstehung beitragen können. Ein regelrechter Teufelskreis, der zu einer immer weiteren Verschlimmerung der Krankheitssymptome führt, entsteht dann, wenn Betroffene zusätzlich an depressiven Störungen leiden, ungünstige Verhaltensweisen praktizieren, wie übertriebene körperliche Schonung oder ihr familiäres und soziales Umfeld mangelndes Verständnis für die Beschwerden oder andererseits übertriebene Entlastung und Fürsorge für die Betroffenen zeigt. Neuere Forschungsergebnisse lassen ganz spezielle Veränderungen der Reizverarbeitung im Gehirn oder Funktionsänderungen von Nervenfasern, beispielsweise der Haut, erkennen. Ob diese Veränderungen als Ursache zur Entstehung des FMS zu sehen sind oder erst infolge eines FMS entstehen, ist heute noch nicht geklärt.

Zur Diagnose des FMS

Wichtig sind die vollständige Erhebung der Krankheitsgeschichte (Anamnese) und eine sorgfältige körperliche Untersuchung. Laboruntersuchungen sind meist völlig unauffällig und liefern keine Hinweise auf Entzündungen und Stoffwechselerkrankungen. Zur Bestätigung der FMS sind keine Röntgenuntersuchungen notwendig, da die FMS im Röntgenbild nichts Besonderes zeigt. Umgekehrt kann aber in Einzelfällen ein Röntgenbild hilfreich sein, um andere schwerwiegende Erkrankungen auszuschließen. Gleiches gilt auf für spezielle Laboruntersuchungen, die zwar für die Diagnose des FMS nicht hilfreich sind, aber helfen können, andere Erkrankungen auszuschließen.

Therapie des FMS

Das FMS ist beim Erwachsenen ein meist lebenslang bestehendes Beschwerdebild, das durch medikamentöse, andere medizinische und alternative Behandlungen nicht heilbar ist, dessen Symptome jedoch gelindert werden können. In begründeten Einzelfällen kann ein zeitlich begrenzter Behandlungsversuch mit speziellen Medikamenten durchgeführt werden. Diese Behandlung muss aber von einem erfahrenen Therapeuten durchgeführt werden, da die meisten Medikamente ihrerseits Nebenwirkungen hervorrufen können, die dann wiederum zu einer Verschlechterung des Befindens des/der Patienten/in führen. Besonders wichtig ist die Verbesserung bzw. der Erhalt der Funktionsfähigkeit im Alltag, d.h. dass übermäßige körperliche und psychische Schonung ebenso zu vermeiden sind, wie entsprechende Überlastungen oder bei manchen Betroffenen Durchhalteparolen und –verhaltensweisen. Erfolgversprechend ist, wenn ein Team aus Spezialisten verschiedener Disziplinen, z.B. Ärzte, Psychologen, Verhaltenstherapeuten, Physiotherapeuten Sie im Rahmen einer sogenannten multimodalen (=viele Verfahren) Schmerztherapie gleichzeitig betreut und anleitet, Aktivitäten zur Selbstbehandlung zu erlernen und diese dann eigenständig durchzuführen. Hierzu gehören Entspannungsübungen und ein auf Sie individuell abgestimmtes Physiotherapieübungsprogramm. Wichtig dabei ist, dass Sie diese Übungen und Aktivitäten auf der einen Seite regelmäßig durchführen, aber diese auf der anderen Seite mit Maß und Ziel anwenden und das Ganze nicht übertreiben. Denn dann würde das Pendel wieder ich die andere Richtung ausschlagen und zu einer erneuten, jetzt durch die Therapie bedingten Verschlechterung des Befindens führen. Abschließend sei erwähnt, dass Sie weiterhin Ihre sozialen und familiären Kontakte pflegen und den Hobbys nachgehen sollen, dass Sie sich nicht zurückziehen, sondern offen mit vertrauten Personen über Ihre Erkrankung und den sich daraus ergebenden Auswirkungen auf Ihren Alltag reden.

Autor: Univ.Prof. Dr. med. Michael Herbert