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eine Frau mit türkisem Trägertop sitz am Strand und meditiert, mit dem Rücken zur Kamera, im Hintergrund sieht man das Meer, die Wellen schlagen ans Ufer

Gesichtsschmerzen

Patienten mit Gesichtsschmerzen suchen Hilfe bei Ärztinnen und Ärzten unterschiedlicher Fachbereiche, wobei vor allem Zahnärzte, Hals-Nasen-Ohren-Fachärzte, Fachärzte für Neurologie und natürlich Hausärzte konsultiert werden. Eine gute Zusammenarbeit der behandelnden Ärztegruppen verhindert einerseits unnötige Therapiemaßnahmen im Zahn-und Kieferbereich und andererseits die Einnahme nicht indizierter Medikamente. Patienten mit langandauernden Schmerzen im Gesichtsbereich benötigen oftmals auch psychologische Betreuung, denn gute Erfolge sind häufig nur mit einem interdisziplinären Schmerzmanagement zu erzielen.

Häufige Gesichtsschmerzsyndrome: 

  • Neuralgien und Gesichtsneuropathien
    • Trigeminusneuralgie
    • Glossopharyngeusneuralgie
    • Cervikale Neuralgien
    • Postherpetische Neuralgie
    • Trigeminus-trophisches Syndrom
    • Cluster-Tic-Syndrom
    • Okzipitalisneuralgie
  • Persistierendes idiopathisches Schmerzsyndrom
  • Zentraler neuropathischer Gesichtsschmerz
  • Zahnschmerz
  • Myoarthropathie - Temporo-mandibuläres Schmerzsyndrom
  • Arteriitis temporalis
  • Posttraumatische und postoperative Schmerzen

 

Als Neuralgie oder Nervenschmerzen werden zumeist kurz andauernde Schmerzen im Versorgungsbereich eines Nervs bezeichnet. Die Schmerzen entstehen nach einer Nervenschädigung, entweder im Bereich der Nervenfaser selbst oder im Bereich der Markscheide, welche die Nervenfasern umhüllt. Die Markscheide ist für die schnelle Signalfortleitung wichtig, eine Schädigung kann sowohl Funktionsdefizite als auch Schmerzen hervorrufen. Auch Durchblutungsstörungen können zu einer Nervenschädigung führen und auf diese Weise heftige Schmerzen verursachen. Im Gesichtsbereich sind Nervenschädigungen durch eine schlechte Durchblutung allerdings sehr selten.

Die Trigeminusneuralgie ist eine der häufigsten neuralgischen Gesichtsschmerzformen. Sie ist durch heftige, Sekunden anhaltende, blitzartige Gesichtsschmerzen charakterisiert. Die Ausbreitung findet im Bereich von einem oder mehreren der drei Äste des Nervus trigeminus statt. Die häufigste Ursache der Trigeminusneuralgie ist eine Irritation des Nervs durch ein Gefäß, weitere Ursachen sind Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Gefäßfehlbildungen, Tumore usw.

Die Irritation des Nervs führt zu einer Markscheidenschädigung, was eine Fehlleitung von Signalen von Berührungs- auf die Schmerzfasern bewirkt. Die Folge ist eine Auslösung des Schmerzes durch Berührung der Haut, Kauen, Schlucken, Zähne putzen usw. Die Schmerzepisoden können über einen langen Zeitraum immer wieder auftreten und bei ca. einem Drittel aller Patienten von selbst auf Dauer verschwinden. Bei den anderen Patienten halten die Schmerzattacken an und die schmerzfreien Intervalle werden im Verlauf zumeist immer seltener. Um Erkrankungen des Gehirns oder Fehlbildungen bzw. Fehllagen  von Gehirngefäßen als Ursache für die Trigeminusneuralgie ausschließen zu können, ist die Durchführung einer MRT-Untersuchung des Gehirns erforderlich. Bei einer Trigeminusneuralgie im 2. und 3. Ast muss eine zahnärztliche Untersuchung erfolgen, um eine Ursache im Zahn- oder Kieferbereich auszuschließen.

Anfangs sprechen die Schmerzen sehr gut auf Medikamente an, die die schnelle Signalübertragung blockieren. Es handelt sich hier um sog. Antiepileptika – Arzneimittel, die primär zur Behandlung von epileptischen Anfällen eingesetzt werden.
Bei einer Medikamentenunverträglichkeit oder unzureichender Wirksamkeit können Verfahren zum Einsatz kommen, die mittels Druck oder Hitze die Schmerzfasern des
N. trigeminus schädigen und  dadurch eine Schmerzaufhebung oder Schmerzlinderung  bewirken können. Eine Operation nach Janetta, die im Bereich der hinteren Schädelgrube den Nerv vom druckauslösenden Gefäß trennt, ist eine weitere Behandlungsoption. Etwas weniger wirksam, jedoch auch weniger komplikationsverbunden sind spezielle Bestrahlungsmethoden (z.B. Gamma-Knife oder Cyber-Knife). Auch eine Behandlung mit dem Nervengift Botulinum-Toxin, das in die Haut eingespritzt wird, kann eine deutliche Schmerzlinderung hervorrufen.

Die Glossopharyngeusneuralgie kann der Trigeminusneuralgie klinisch sehr ähnlich sein, die Schmerzen sind eher im Ohr oder Rachenbereich lokalisiert.  Zusätzlich können kurze Bewusstlosigkeitsepisoden auftreten. Die Therapie entspricht jener bei Trigeminusneuralgie.

Die akute Zoster-Neuralgie oder sog. Post-Zoster Neuropathie entsteht im Rahmen einer Gürtelrose im Gesichtsbereich oder nach einer durchgemachten Entzündung. Das Zoster-Virus kann jahrelang in den Nervenzellen ruhen, bevor es bei einer Schwäche des Immunsystems in Form einer Nervenentzündung ausbricht. Die Schmerzen sind häufig sehr quälend, brennend oder stechend, können als Dauerschmerz oder intermittierender Schmerz vorkommen und sind im Bereich der noch sichtbaren oder bereits abgeheilten Bläschen und Rötung lokalisiert. Die meisten Patienten leiden unter einer sog. Allodynie – schon die leichte Berührung der betroffenen Haut führt zum Schmerz. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Therapeutisch können Antiepileptika (s.o.) wie Gabapentin und Pregabalin oder bestimmte Antidepressiva sehr hilfreich sein. Die lokale Anwendung von Salben oder Medikamenten in Pflasterform (z.B. Lidocain, Capsaicin) im betroffenen Hautareal kann ebenfalls sehr wirksam den Schmerz bekämpfen. Eine effektive Linderung der Beschwerden kann desgleichen durch Injektionen des Nervengiftes Botulinum-Toxin in die Haut erreicht werden. Auch Morphin-Medikamente können mit Erfolg angewendet werden, regelmäßige Kontrollen beim behandelnden Arzt sind aber unbedingt notwendig.

Ein Trigeminus-trophisches Syndrom kann als Folge eines Schlaganfalls oder einer mechanischen bzw. entzündlichen Schädigung des Nervus trigeminus auftreten. Die Beschwerden beinhalten Hautdefekte  im Gesicht sowie eine Berührungsüberempfindlichkeit, begleitet von Juckreiz oder brennendem Schmerz. Die Erfolge der Therapie sind eher bescheiden, die Medikamente der ersten Wahl sind Antiepileptika.

Autor: Prim. Priv.-Doz. Dr. Nenad Mitrovic

 

Das persistierende idiopathische Schmerzsyndrom wird zumeist als ziehender, drückender Dauergesichtsschmerz beschrieben. Die Lokalisation ist in der Wange, unterhalb der Augenhöhle, einseitig oder beidseitig. Die Ursache bleibt unklar, eine zahnärztliche Behandlung oder Gesichtsverletzung kann die Symptome auslösen, Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer. Vor der Diagnosestellung müssen andere Ursachen wie Gesichtstumore ausgeschlossen werden. Andere chronische Schmerzsyndrome wie Unterbauchschmerz oder zusätzliche psychische Erkrankungen sind nicht selten. Die Therapie der ersten Wahl sind bestimmte Antidepressiva.  Auch psychotherapeutische Ansätze vor allem im Rahmen einer multimodalen Therapie, d.h. eine Zusammenarbeit von mehreren medizinischen Fachbereichen, können sehr hilfreich sein.

Ein zentraler neuropathischer Gesichtsschmerz tritt bei einer Schädigung von Gehirnstrukturen wie z.B. durch einen Schlaganfall oder Multiple Sklerose auf. Die Schmerzen sind meistens brennend und sehr quälend. Sie können sowohl als Dauerschmerzen als auch anfallsartige Schmerzen auftreten. Therapeutisch können bestimmte Antidepressiva und Antiepileptika verschrieben werden.

Zahnschmerzen sind häufig Ursache eines Gesichtsschmerzes und benötigen eine zahnärztliche Begutachtung. Die Schmerzen können jenen einer Trigeminusneuralgie ähneln und mit dieser verwechselt werden. Auch eine Trigeminusneuralgie kann mit einem Zahnschmerz verwechselt werden, was dazu führen kann, dass die Zähne wochenlang unnötig behandelt werden oder sogar gezogen werden. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten und Kopf-und Gesichtsschmerzexperten kann schnell zu der richtigen Diagnosestellung und der entsprechenden Therapie führen.

Beim temporo-mandibulären Schmerzsyndrom (= Myoarthropathie oder auch Kiefergelenksdysfunktion) leiden die Patienten ebenfalls an Kopf- oder Gesichtsschmerzen. Die Schmerzen sind im oder vor dem Ohr lokalisiert und strahlen Richtung Schläfe, Hals oder in das Kiefer aus. Die Schmerzen sind meistens kontinuierlich, tief und dumpf. Eine kieferorthopädische Untersuchung und Behandlung ist in diesem Fall notwendig. Die Myoarthropathie ist manchmal von einem Spannungskopfschmerz schwer zu unterscheiden und ist nicht selten bei Migränepatienten zu finden.  

Arteriitis temporalis ist eine Gefäßentzündung, die von Kopf- und Gesichtsschmerzen begleitet ist. Die Kopfschmerzen können sowohl im Bereich der Schläfe als auch im Stirnbereich lokalisiert sein. Die Schmerzen sind mittlerer oder starker Intensität,  die sich bei Husten oder Kauen meist verstärken. Die Kaumuskulatur ist schmerzhaft verkrampft, auch Muskeln in anderen Körperregionen können schmerzen. Eine Verminderung des Sehvermögens  ist im Verlauf sehr typisch und die Erkrankung kann auch zur Erblindung  führen. Die Diagnose wird durch erhöhte Entzündungswerte im Blut und eine Biopsie (Gewebeentnahme) der Temporalarterie gestellt. Eine monatelange Therapie mit Glukokortikoiden (Cortison) ist notwendig.

Viele primäre Kopfschmerzen wie z.B. Migräne können vorwiegend im Gesicht auftreten. Eine gute Beschreibung der Symptome seitens der Patienten ist für die Diagnosestellung und Therapie entscheidend. 

 

Literatur: Kopfschmerzen. Ch. Gaul, Ch. Diener, Thieme Verlag, 2016.