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eine Frau mit türkisem Trägertop sitz am Strand und meditiert, mit dem Rücken zur Kamera, im Hintergrund sieht man das Meer, die Wellen schlagen ans Ufer

Rheumaschmerz

Über 400 verschiedene Krankheiten werden unter dem Begriff Rheuma zusammengefasst.
Aus dem Griechischen übersetzt, bedeutet dieser Begriff: fließender Schmerz.

Im Alter von 80 Jahren haben fast alle Menschen eine rheumatische Krankheit. In Österreich verursachen rheumatische Erkrankungen fast 9 Millionen Krankenstandstage. Die Forschungen der letzten 20 Jahre haben bei vielen Krankheitsbildern neue Therapieansätze ermöglicht.

Entzündliches Rheuma:

Dazu gehört die rheumatoide Arthritis, auch chronische Polyarthritis genannt, der Morbus Bechterew, die Psoriasisarthritis, entzündliche Bindegewebserkrankungen wie der Lupus erythematodes, die Polymyalgia rheumatica oder durch Viren und Bakterien ausgelöste Gelenksentzündungen. Dem gegenüber stehen degenerative rheumatische Erkrankungen, (Arthrosen oder heute Osteoarthritis genannt) der Weichteilrheumatismus sowie stoffwechselbedingte Gelenkserkrankungen wie Harnsäure-, Eisen- oder Kalkablagerungen in den Gelenken.

Rheumatoide Arthritis (Polyarthritis):

Diese Erkrankung ist eine Autoimmunkrankheit. Körpereigene Abwehrzellen greifen Gelenke genauso an, wie sie es bei Viren, Bakterien oder Pilzen tun würden. Daraus resultiert Schmerz, Schwellung, Rötung und eine Überwärmung des Gelenkes sowie der Gelenksumgebung. Auffallend ist die Morgensteifigkeit von mehr als 1 ½ Stunden. Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis fühlen sich morgens und in den frühen Morgenstunden am schlechtesten. Die Krankheit kann auch in Schüben verlaufen. Zur Entstehung einer rheumatoiden Arthritis müssen zwei Dinge zusammenkommen: Einerseits eine ererbte Bereitschaft für Autoimmunerkrankungen, andererseits aber auch Umwelteinflüsse. Diese sind noch nicht vollkommen erforscht. Sicher ist aber, dass das Rauchen ein Faktor für die Auslösung einer rheumatoiden Arthritis ist und dass bei RaucherInnen die Erkrankung deutlich aggressiver verläuft.

Morbus Bechterew und andere entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen:

Bei dieser Autoimmunerkrankung spielt sich die Entzündung in den Gelenken der Wirbelsäule und im Gelenk zwischen Wirbelsäule und Darmbein (Sacroiliakalgelenk) ab. Im Laufe der Jahre kommt es zu einer Versteifung der Wirbelsäule und zur Ausbildung eines Rundrückens. Zusätzlich kann es im Rahmen dieser Erkrankung zu Entzündungen der Achillessehne oder der Augen (Regenbogenhaut) kommen.

Schmerzen bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew):

Die Schmerzen werden nicht nur durch Entzündungsstoffe erzeugt. Das Schmerzempfinden ist auch abhängig vom Umgang mit dem Krankheitsstress, auch Schonhaltungen können sich ungünstig auswirken. Mangelnde Bewegung führt zu einem rascheren Funktionsverlust und zu vermehrten Schmerzen, ausgelöst durch Verspannungen.

Hat sich der Teufelskreis Schmerz verursacht Verspannungen und Verspannung verursacht Schmerz erstmal ausgebildet, ist die Gefahr einen chronischen Schmerzzustand zu entwickeln, sehr groß. Hinzu kommt dann das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und oft eine reaktive Depression.

Zellbotenstoffe beeinflussen die Krankheitsaktivität:

Jede Zelle des Immunsystems kommuniziert mit anderen Zellen. Für diesen "Informationsaustausch" werden Zellbotenstoffe von Zelle zu Zelle geschickt. Diese heißen Zytokine. Zytokine sind dafür verantwortlich, dass eine Entzündung aktiv und schmerzauslösend verläuft. Jahr für Jahr werden neue Zytokine entdeckt und deren Bedeutung entschlüsselt. Zu den bekanntesten, entzündungsfördernden Zytokinen gehören TNF-alpha (Tumor-Nekrose-Faktor alpha), Interleukin 1, Interleukin 6 und Interleukin 17. Die medizinische Forschung hat sich in den letzten Jahren darauf konzentriert, Zellbotenstoffen zu neutralisieren. Dafür wurden Anti-Zytokine entwickelt. Diese Anti-Zytokine wurden in den letzten 20 Jahren entwickelt und haben zu einer Revolution in der Rheuma-Therapie geführt. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen können zur Zerstörung von Gelenken oder der Wirbelsäule führen. Will man diese Zerstörung verhindern, muss ins Immunsystem eingegriffen werden. Neben den Anti-Zytokinen gibt es eine Reihe anderer Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen (modulieren) können. Dazu gehören Medikamente wie Methotrexat, Leflunomid oder Sulfosalazin. Aber auch das altbekannte Cortison. Wird Cortison richtig eingesetzt, kann es Krankheit und Schmerz gut beeinflussen. Dafür wird Cortison am Beginn einer Rheumabehandlung höher Dosiert verabreicht, oder in einem akuten Krankheitsschub für kurze Zeit gegeben. Auch die gezielte Verabreichung einer Cortisoninjektion in ein Gelenk wird heute häufig durchgeführt.

Nicht cortisonhaltige entzündungshemmende Medikamente:

Unter dem Begriff nicht steroidale anti-inflammatorische Medikamente werden Substanzen zusammengefasst, die eine abschwellende und entzündungshemmende Eigenschaft besitzen. Am längsten bekannt ist das Aspirin, welches heute zur Entzündungshemmung kaum mehr eingesetzt wird. Neuere NSAI's oder auch nicht steroidale Antirheumatika, NSAR genannte Medikamente, dürfen nicht unkritisch verwendet werden. Sie können Magen/Darmblutungen, Blutdruckanstiege sowie Probleme an Leber, Herz und Gehirn verursachen. Ihr gezielter und medizinisch kontrollierter Einsatz kann die Lebensqualität jedoch deutlich verbessern.

Selbsthilfe bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen:

Patienten mit umfassendem Wissen über ihre Erkrankung haben eine bessere Lebensqualität, weniger Komplikationen und ein besseres Therapieansprechen. Zu diesem Wissen zählt auch jenes über Ernährung, Bewegung und Allgemeinmaßnahmen. Zur Wissensvermittlung gehört auch der Blick in das Internet. Die Webseiten von Rheumagesellschaften, wie jene der österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie ÖGR, bieten seriöses Wissen an. Leider gibt es auch eine Reihe von Internetseiten, die diese Seriosität vermissen lassen. Oft werden Kaufangebote als Wissensvermittlung getarnt.

Gicht:

Gicht wird durch eine Erhöhung der Harnsäurekonzentration im Blut verursacht. Lagert sich diese Harnsäure vermehrt als Kristall in Gelenken ab, kann es zu dem berühmten akuten Gichtanfall kommen. Am häufigsten betroffen ist das Großzehengrundgelenk. Mehr als bei anderen rheumatischen Erkrankungen, spielt bei der Gicht die Ernährung eine Rolle. Purinreinreiches, rotes Fleisch (Rind, Schwein, Lamm) oder Innereien, Meeresfrüchte, Bier können die Harnsäure erhöhen und einen Gichtanfall auslösen. Weniger bekannt ist, dass auch die reichliche Zufuhr von Obst ungünstig ist, während Gemüse bevorzugt werden kann. Bei der Behandlung von Gicht unterscheidet sich, ob es sich um einen akuten Gichtanfall, oder um eine chronische Gicht handelt. Im akuten Gichtanfall steht die Schmerztherapie mit NSAI, Cortison oder Colchicin (ein Extrakt der Herbstzeitlose) im Vordergrund. Bei chronischer Gicht ist die Ernährungsumstellung, der langsame Gewichtsverlust, reichlich Flüssigkeit, regelmäßige Bewegung sowie die Verabreichung von Harnsäure senkenden Mitteln wichtig.

Degenerative Gelenkserkrankungen (Arthrosen):

Zu Gelenksabnützungen (Arthrosen) kann es in jedem Gelenk kommen. Am häufigsten betroffen sind Hüfte, Knie und die Fingergelenke. Bei der Entstehung der Arthrose, spielt die Vererbung eine große Rolle, aber auch Überlastung, Gelenksfehlstellungen und das Übergewicht spielen in der Arthrose-Entwicklung eine entscheidende Rolle. Bei der Behandlung der Arthrose müssen vier Stufen berücksichtigt werden:

1) Allgemeinmaßnahmen
2) Physikalische Therapie
3) Medikamente
4) Operation

Die Zeit bis zum Gelenksersatz kann durch aktive Maßnahmen, Bewegungstherapie, physikalische Therapie und gelenksunterstützenden Maßnahmen verlängert werden. Die Erhaltung der Beweglichkeit spielt die größte Rolle. Zur Unterstützung sollten auch NSAI's eingesetzt werden. Die Injektion von entzündungshemmenden Substanzen (auch Cortison) in Gelenke kann die Beweglichkeit verbessern.

Knorpelschutzsubstanzen die im Handel, insbesonders jene, die im Internet angeboten werden, werden häufig angewendet. Die Anwendung erfolgt jedoch ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage. Bevor Sie viel Geld für derartige Substanzen ausgeben, sprechen sie mit ihrem Arzt bzw. Ärztin über die Sinnhaftigkeit derartiger Medikamente.

Weichteilrheuma:

Beim Weichteilrheuma unterscheidet man entzündliche Formen wie die Polymyalgia rheumatica oder die Myositis von nicht entzündlichen Formen wie das Fibromyalgiesyndrom. Die Polymyalgia rheumatica und die Myositis verlangen eine aktive entzündungshemmende Therapie, zu der auch der Einsatz von Cortison gehört. Die Fibromyalgie wird durch eine Störung der Schmerzverarbeitung ausgelöst, bzw. aktiviert. Von der Fibromyalgie sind vorwiegend Frauen betroffen, die oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich haben. Berufliche Überlastung, ständige Existenzängste, mangelnde Regeneration kann die Krankheit auslösen oder verschlechtern.
Eine rein medikamentöse Schmerzbehandlung hilft den Fibromyalgie Patientinnen kaum. Ohne Berücksichtigung der Lebensumstände kann eine Behandlung nicht erfolgreich sein.

Autor: Prof. Dr. Michael Ausserwinkler