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eine Frau mit türkisem Trägertop sitz am Strand und meditiert, mit dem Rücken zur Kamera, im Hintergrund sieht man das Meer, die Wellen schlagen ans Ufer

Der Pädiatrische Patient

Wir würden uns ein Leben ohne Schmerzen so sehr wünschen, aber es muss uns bewusst sein, dass es ohne Schmerzen kein Leben gibt! Schmerzen können Hinweise auf eine körperliche Erkrankung geben, uns davor bewahren sich körperlich zu verausgaben und uns vor allzu großen Schäden schützen. Schmerz ist ein fester Bestandteil unseres Lebens und bereits Kinder werden oft damit konfrontiert: zum Beispiel im Rahmen von Dreimonatskoliken, Impfungen, Zahndurchbruchsschmerzen, Muskelzerrungen, Entzündungen der Ohren, des Halses oder Bauches, Operationen, Verletzungen, Verbrühungen und Verbrennungen. Zu bedenken ist, dass selbst kleine Frühgeborene nach der Geburt auf schmerzhafte Reize reagieren und bereits die Fähigkeit haben, Schmerzen zu empfinden.

Schmerzen bei Kindern wurden lange von vielen Erwachsenen und nicht selten auch von Ärzten unterschätzt, verdrängt und damit vernachlässigt. Fehleinschätzungen, unzureichende physiologische Kenntnisse, fehlende flächendeckende Versorgungskonzepte und Befürchtungen, Medikamente könnten vor allem kleinen Kindern schaden, sind mögliche Ursachen für die noch immer bestehenden Defizite in der Kinderschmerztherapie.

Bei der Betreuung von Kindern ist stets zu beachten, dass Kinder Schmerzen genauso intensiv spüren wie Erwachsene und Schmerz immer ein subjektives Empfinden ist. Besonders kleinen Kindern fällt es oft schwer, ihren Schmerz zu benennen oder zu lokalisieren. Wie bei Erwachsenen kann und muss die Intensität von akuten Schmerzen auch bei Kindern gemessen werden. Dafür stehen unterschiedliche, dem Alter des Kindes angepasste Schmerzmessinstrumente zur Verfügung. Bei Kindern, die mit uns noch nicht oder unzureichend kommunizieren, werden Verhaltensweisen, die beim Vorliegen von Schmerzen auftreten, für die Bewertung der Schmerzintensität herangezogen. Ab dem 4. bis 6. Lebensjahr können Kinder ihre Beschwerden anhand einer „Selbstauskunftsskala“ eigenständig einschätzen. Sie wählen hierzu aus der Skala ein Gesicht, das ausdrückt wie stark sie den Schmerz wahrnehmen.

Invasive medizinische Eingriffe gehören zu den am meisten gefürchteten Erlebnissen im Kindesalter. Bei schmerzhaften Eingriffen ist es wichtig, Kinder darüber zu informieren, dass ihnen möglicherweise etwas Unangenehmes bevorsteht. Die gängige Praxis setzt oft auf den Überraschungseffekt. Jemand lenkt das Kind ab, während der Arzt agiert. Nur wenn man dem Kind die Gelegenheit zu einer gewissen Mitbestimmung gibt, kann das Gefühl entstehen, die Situation unter Kontrolle zu haben. Zuwendung, Vermittlung von Geborgenheit, Ablenkung und das Schaffen einer kindergerechten Umgebung helfen, negative Emotionen wie Angst zu reduzieren.

Immer steht die Schmerzvermeidung an erster Stelle gefolgt von der Schmerzminimierung durch die Wahl geeigneter Maßnahmen. Für die Schmerztherapie stehen medikamentöse, nichtmedikamentöse und im Rahmen von Operationen regionalanästhesiologische Behandlungsmethoden zur Verfügung.

Die Auswahl eines Schmerzmedikaments richtet sich nach der Art und der Intensität des kindlichen Schmerzes. Einige der bewährten Medikamente sind für Kinder aber offiziell nicht zugelassen und die Verabreichung erfolgt im sogenannten „Off-label use“. Dieser Terminus bedeutet, dass ein Medikament zugelassen ist, aber anders als in der Produktlizenz angegeben verwendet wird. Der „Off-label use“ ist basierend auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und klinischen Erfahrung zulässig, da es sich meist um Medikamente handelt, die regelmäßig verwendet werden und man über jahrelange Erfahrung verfügt. Die Gabe erfolgt nach expliziter Aufklärung und Einwilligung der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten.

Als Schmerzmedikamente werden bei Kindern am häufigsten Nicht-Opioid Analgetika (Analgetika = Schmerzmedikamente) eingesetzt, die die erste Stufe der medikamentösen Schmerztherapie darstellen. Einige Substanzen dieser Gruppe sind auch rezeptfrei erhältlich.

Eine Verabreichung/Einnahme dieser Medikamente sollte nur nach ärztlicher Rücksprache und unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.

Bei entzündungsbedingten Schmerzen und schmerzhaften Weichteilschwellungen wirken sehr gut Ibuprofen, Diclofenac, Mefenaminsäure oder Naproxen. Ein kurzfristiger Einsatz ist als sicher zu betrachten. Zu achten ist darauf, dass Ihr Kind unter der Einnahme ausreichend trinkt und die verordnete Dosierung genau eingehalten wird.

Ein weiteres Nicht-Opioid Analgetikum ist Metamizol, das zur Fiebersenkung, bei Bauch- und Weichteilschmerzen und vor allem bei krampfartigen Schmerzen eingesetzt wird.

Zur Behandlung leichter bis mittelstarker Schmerzen ist bei Kindern auch Paracetamol zulässig. Eine Überdosierung ist allerdings unbedingt zu vermeiden, da sie zu lebensbedrohlichen Leberschäden führen kann.

Leidet ihr Kind nach einer Verletzung oder Operation unter starken Schmerzen, die mit Nicht-Opioiden allein unzureichend behandelt werden können, so müssen kurzfristig auch Opioide eingesetzt werden. Ist der Schmerzmittelbedarf nach einer Operation sehr hoch, so kann auch bei Kindern das Schmerzmittel mit einer sogenannten Schmerzpumpe verabreicht werden. Es handelt sich dabei um eine elektronisch kontrollierte Infusionspumpe. Damit kann man sich auf Knopfdruck kleine Schmerzmittelmengen verabreichen.

Im Rahmen von Operationen werden regionalanästhesiologische Behandlungsmethoden sehr wirkungsvoll zur Vorbeugung und Behandlung von Schmerzen eingesetzt. Die Anlage erfolgt dabei in Narkose oder unter Sedierung und somit absolut stressfrei für Ihr Kind. Der Vorteil liegt in einer auf das Operationsgebiet begrenzten Schmerzreduktion bzw. Schmerzfreiheit durch den Einsatz von Lokalanästhetika. Die Mobilisierung und Bereitschaft zur Bewegungstherapie kann früher erfolgen.

Wichtig zur Reduktion der Schmerzempfindung sind auch bei Kindern nichtmedikamentöse Maßnahmen wie physikalische, physiologische und psychologische Interventionen. Sie sollten wann immer möglich eingesetzt werden. Durch die rechtzeitige Anwendung lokaler Analgetika (EMLA®) können notwendige Punktionen und Kannelierungen bei Kindern wesentlich schmerzärmer durchgeführt werden. Bei den jüngsten Patienten werden orale Zuckerstoffe und spezielle Lagerungstechniken bei leichten schmerzhaften Maßnahmen zur Schmerzbehandlung unterstützend eingesetzt. Durch eine möglichst kurze Flüssigkeits- und Nahrungskarenz vor und nach Eingriffen lässt sich das Befinden unserer Kinder zusätzlich wesentlich verbessern.

Ob unsere Kinder mit unserer Schmerztherapie zufrieden sind, lässt sich im Gespräch, das man auch mit Kindern immer suchen sollte, überprüfen. Ein zufriedenes, spielendes und zugängliches Kind ist der beste Beweis, dass wir unsere „Sache“ gut gemacht haben.

 

Autorin: Dr. Brigitte Messerer