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eine Frau mit türkisem Trägertop sitz am Strand und meditiert, mit dem Rücken zur Kamera, im Hintergrund sieht man das Meer, die Wellen schlagen ans Ufer

Schmerzentstehung

Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn wir keine Schmerzen empfinden könnten. Diese Vorstellung scheint besonders für Menschen, die ihr Leben unter ständigen chronischen oder wiederkehrenden Schmerzen führen müssen, im ersten Moment sehr verlockend. Doch wenn der Mensch tatsächlich keine Schmerzen empfinden könnte, würde er wahrscheinlich nicht sehr lange leben. Man würde so nicht mehr merken, wenn man sich verletzt. Der Schmerz ist ein wichtiger Schutzmechanismus – ein Alarmsystem des Körpers.

Wenn unsere Hand z. B. eine Herdplatte berührt, zucken wir rechtzeitig zurück. Hätten wir keinen Schmerzsinn, würden wir uns verbrennen.

Schmerz warnt uns vor Schäden durch äußere Ereignisse oder innere Erkrankungen. Dabei werden Sinneszellen, sogenannte  Schmerzrezeptoren erregt, die sich am Ende der Nerven befinden. Von diesen Fühlern wird die Schmerzinformation über elektrische Ströme bis zum Rückenmark geleitet.

Die Schmerzrezeptoren reagieren auf mechanische, chemische oder thermische Reize. Beim Überschreiten einer individuellen Schwelle kommt es zur Aktivierung dieser Zellen.

Um einer Verletzung entgegenzuwirken, werden in der Folge Entzündungsmediatoren (z.B. Bradykinin und Serotonin) ausgeschüttet, die auch zu einer Erweiterung der Blutgefäße führen. Ein lokales Ödem (Rötung, Schwellung) wird sichtbar. Leukozyten, weiße Blutkörperchen,  gelangen dadurch zur Krankheitsabwehr einfacher in das geschädigte Gewebe. Alle Schmerzmediatoren erregen über die Schmerzrezeptoren die freien Nervenendigungen, welche die Schmerzinformation weiterleiten.

Im Rückenmark befindet sich die erste Schaltstelle. Hier wird einem der Schmerz noch nicht bewusst, doch reflexartig weichen wir der Bedrohung aus. Mit Hilfe von chemischen Botenstoffen werden die Schmerzsignale auf die Leitungsbahn des zentralen Nervensystems, welche zunächst im Rückenmark verläuft und im Gehirn endet, übertragen. Das zentrale Nervensystem leitet über das Rückenmark nicht nur Erregungen weiter, sondern es kommt gleichzeitig auch zu hemmenden Impulsen. Die direkte Hemmung schwächt die Schmerzimpulse gleich im Rückenmark ab. Die absteigende Hemmung wird durch den zum Gehirn aufsteigenden Schmerzreiz selbst ausgelöst.

Die eigentliche Schmerzwahrnehmung erfolgt dann in bestimmten Teilen des Gehirns: im limbischen System die emotionale Bewertung, in der Großhirnrinde die Bewusstmachung sowie der Vergleich mit früheren Erfahrungen und die Beurteilung der Situation.

In besonderen Situationen kann der Körper selbst Stoffe herstellen, die den Schmerz lindern oder deutlich reduzieren bzw. auch ausschalten können. Diese sogenannten Endorphine werden z.B. bei schweren Verletzungen vermehrt ausgeschüttet. Man nimmt Schmerz erst wieder wahr, wenn der Körper zur Ruhe kommt und weniger Endorphine produziert.

 Erfahrung prägt unser Schmerzempfinden:
Derjenige der sich schon einmal verletzt hat, wird in einer ähnlichen Situation wahrscheinlich vorsichtiger sein. Man ist vorbelastet. Derjenige, der keine Schmerzen kennt, wird die eigenen Schmerzen auch anders bewerten als der, der sie am eigenen Leib bereits erfahren hat.

Jeder Mensch nimmt Schmerzen anders wahr!

 

Der Zeitfaktor

Man unterscheidet akute sowie länger dauernde, chronische und wiederkehrende Schmerzen. 

  • Akute Schmerzen setzen dann ein, wenn Gewebe beschädigt wurde. Sie dauern nur eine kurze Zeit an, nehmen parallel zum Heilungsprozess an Intensität ab und dienen vor allem dazu, den Körper zu schützen. Akute Schmerzen haben somit eine Schutzfunktion. Sie treten z. B. bei Knochenbrüchen, bei Herzinfarkt oder Zahnschmerzen auf. Die Ursache muss behandelt werden, dann verschwindet in der Regel auch der akute Schmerz.
  • Chronische Schmerzen halten im Gegensatz dazu über einen längeren Zeitraum an und haben ihre Signalwirkung verloren. Manchmal hängen chronische Schmerzen gar nicht mit der ursprünglichen Krankheit zusammen. So kann zum Beispiel ein Bandscheibenvorfall bereits behoben sein, doch die Schmerzen dauern Monate oder auch Jahre an.
    Chronische Schmerzen können auch entstehen, wenn sich akute Schmerzen häufig wiederholen. An mehreren Stellen des zentralen Nervensystems werden Erfahrungen gespeichert. Das „Schmerzgedächtnis“ ruft Schmerzen hervor, ohne dass die Schmerzsensoren erregt werden müssen. Schmerz wird immer heftiger empfunden und auch das Schmerzareal kann sich ausdehnen.
  • Wiederkehrende Schmerzen treten in bestimmten zeitlichen Abständen auf – wie z.B. Migräne.

Autorin: OÄ Dr. Waltraud Stromer