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eine Frau mit türkisem Trägertop sitz am Strand und meditiert, mit dem Rücken zur Kamera, im Hintergrund sieht man das Meer, die Wellen schlagen ans Ufer

    Schmerzmedizin: Fortbildung auf Europäischer Ebene

    Ärzte, die sich für die Schmerzmedizin interessieren, haben schon seit längerem die Möglichkeit ein Europäisches Schmerzdiplom zu erwerben. Sowohl die ESRA als auch die EFIC bieten Schmerzdiplome an. OA Dr. Martin Marinov aus Salzburg gehört zu den ersten österreichischen Absolventen. Von seiner Motivation und seinen Vorbereitungen dazu erzählt er im Interview. Lesen Sie mehr.

    OA Dr. Martin Marinov zum Erwerb des EDPM der ESRA

    Was hat Sie dazu veranlasst, sich für die EDPM Prüfung der ESRA anzumelden?

    Der Erwerb eines Diploms beweist den erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung, normalerweise nach einer Prüfung oder Thesisarbeit. Ich habe die volle Ausbildung für Schmerzmedizin (Pain Management) nach den Kriterien der Faculty of Pain Medicine, Royal College of Anaesthetists an der University College London Hospitals absolviert. Obwohl eine Prüfung nach dem Abschluss nicht pflichtig ist, habe ich mich für die EDPM Prüfung der ESRA angemeldet. Die Voraussetzung ist eine strukturierte schmelz-medizinische Weiterbildung von Minimum 6 Monaten. Die EDPM Prüfung, die von ESRA organisiert wird, ist nur für Anästhesisten zugänglich. Die EFIC-EDPM Prüfung ist im Gegenteil offen auch für Kollegen aus allen klinischen Fächern, die mit Untersuchung und Management von Schmerzpatienten etwas zu tun haben, wie z. B. Allgemeinmediziner, Neurologen, Physiotherapeuten etc. Einzelheiten sind den entsprechenden Internet-Seiten von ESRA und EFIC zu entnehmen.

    In welchem Bereich sind Sie aktuell im Krankenhaus tätig? Profitieren Sie von dieser Ausbildung unmittelbar bei Ihrer jetzigen Arbeit?

    Ich bin als Facharzt für Anästhesie, vor allem in den Bereichen Gefäßchirurgie, Orthopädie, Traumatologie und Allgemeinchirurgie, tätig. Meine Patienten profitieren von dieser Ausbildung, ja. Was für mich bleibt, ist die persönliche Zufriedenheit von gut geleisteter Arbeit.

    Wie schwierig war es sich darauf vorzubereiten? Wie gut oder schlecht unterstützt die ESRA mit Unterlagen, speziellen Vorbereitungen die Schmerzdiplomkandidaten?

    Jeder, der eine Facharztprüfung bestanden hat, weißt genau, wie schwierig es ist, sich für eine Prüfung vorzubereiten. Die EDPM Prüfung ist, in der Tat, eine Facharztprüfung und genau so schwierig, nicht mehr und nicht weniger. Sowohl EFIC, wie auch ESRA haben ein Curriculum erarbeitet, nach dem die Vorbereitung stattfinden sollte. Es gibt genug on-line Ressourcen zur Vorbereitung. Die EFIC Pain Schools sind ein guter Beginn auf dem man aufbauen kann. Zum Beispiel, die von Herrn Professor Likar angebotene Ausbildung in Klagenfurt stellt eine exzellente Basis für Vorbereitung dar. Ich habe am Schmerzzentrum KABEG am Wörthersee unmittelbar vor der mündlichen Prüfung hospitiert. Klagenfurt ist auch die einzige Klinik in Österreich, wo es ein Pain Management Programm (Multimodale Schmerztherapie) gibt. Ich bin überzeugt, dass die Multimodale Schmerztherapie ein Muß für das moderne Pain Management ist. Ich vermeide das Wort „Therapie“, denn worum es hier geht, ist das Erlernen von Bewältigungsstrategien, wie man mit dem Leiden umgeht, um die Lebensqualität zu erhöhen. Die Symptombehandlung ist zwar wichtig, aber nur ein kleiner Teil davon. EFIC kann bei dem praktischen Teil leider nicht viel helfen. Die Intensität einer multimodalen Schmerztherapie , z.B., ist von Minimum 2 Wochen, und zwar täglich. Normalerweise dauert es 3 bis 6 Wochen, bis ein Schmerzpatient, solch ein Programm absolviert. In Österreich beträgt die Zeit für das Hospitieren zum Erwerb des ÖÄK-Diploms "Spezielle Schmerztherapie" 80 Stunden. Man kann nicht einmal die Effekte des verschriebenen Therapieplans bei einem einzelnen Patienten während einer Hospitation verfolgen.

    Würden Sie auch andere Ärzte, die sich auf die Schmerzmedizin spezialisieren wollen zum Diplom raten?

    Ja, definitiv. Die Vorbereitung erweitert den Horizont. Man eignet sich ein breites theoretisches Wissen an und ist besser motiviert eine moderne evidenzbasierte Schmerzmedizin zu praktizieren.

    Wie lange hat die Vorbereitungszeit zum Diplom gedauert?

    Man lernt jeden Tag. Die theoretische Vorbereitung beginnt mit dem ersten Patienten, mit den täglichen Diskussionen, mit den Erfolgen und Misserfolgen der Therapie. Ich würde raten, dass man zuerst die thematischen Abschnitte lernt und danach gezielt etwa 2-3 Monate vor dem MCQs jeden Tag mindestens 2 Stunden der Vorbereitung widmet. Es ist anstrengend. Die Vorbereitung je nach Wissensstand und Erfahrung dauert durchschnittlich 6 bis 9 Monate. Man darf nicht vergessen, dass die Pain Fellowships in Australien, Neu Seeland und Irland 24 Monaten dauern. In England ist die Ausbildung so strukturiert, dass man insgesamt 16 bis 20 Monaten in verschiedenen Stufen absolviert. In Deutschland und USA dauert die Weiterbildung für Spezielle Schmerztherapie 12 Monate.

    Welches Ziel verfolgen Sie persönlich in der Schmerzmedizin?

    Vor einem Jahr war mein persönliches Ziel zurück nach Salzburg zu kommen, wo ich mir vorgestellt hatte, dass wir ein interventionelles und Neuromodulation- Service aufbauen könnten. Da dies nur als Bestandteil einer modernen Schmerzklinik mit multimodaler Therapie möglich ist, war mein Ziel, mit meiner Erfahrung und mit einem Backup von meinen englischen und österreichischen Kollegen aus Klagenfurt, eine multimodales Pain Management Programm in Salzburg zu implementieren. Leider ist der Arbeitgeber und die Gesundheitspolitik des Landes im Allgemeinen auf einen Sparkurs, was auch immer das bedeutet. Ich habe die Unterstützung nicht gefunden. Dafür gibt es einen guten amerikanischen Ausdruck: "Penny-wise and Dollar-fool". Ich habe aber die Hoffnung nicht verloren und glaube, dass genau jetzt die richtige Zeit ist, etwas zu unternehmen, um die Situation österreichweit zu ändern. Wir schulden das unseren PatientInnen.

    Was könnte die ÖSG unternehmen, um junge interessierte und engagierte SchmerzmedizinerInnen hervorzubringen?

    Den jungen Leuten muss man eine Perspektive geben können. Sonst bleibt die Ausbildung ohne Anwendung bloß eine Unterhaltung. Meines Erachtens sollte sich die ÖSG politisch mehr anstrengen, um die Landschaft der Gesundheitspolitik positiv zu verändern. 99% der chronischen Schmerzpatienten sind auch Wählerinnen und Wähler. Und wenn diese Wählerinnen und Wähler sagen "Wir haben das Recht auf eine dezente Behandlung und wir verlangen es", dann wird es auch eine Perspektive geben, junge und engagierte SchmerzmedizinerInnen auszubilden und hervorzubringen. Die Menschen sind die kostbarste Investition.

    Wie bedeutend ist aus Ihrer Sicht die europäische Zusammenarbeit im Bereich der Schmerzmedizin?

    Europaweit bestehen zwei schmerz- medizinischen Gesellschaften, EFIC und ESRA. Es ist die Mission von EFIC, ein Forum für Zusammenarbeit der verschiedenen Gesellschaften, die in der Behandlung, Ausbildung und Forschung des Schmerzes involviert sind, zu schaffen, aber auch die politische Kommunikation betreffend die Schmerzmedizin unter den Institutionen der Europäischen Gemeinschaft und der Legislation der EU zu erleichtern. Wie bedeutend die Zusammenarbeit auf der europäischen Ebene ist, wird durch dieses Statement reflektiert. Es ist bekannt, dass sich die schmerz- medizinische Versorgung vom Land zu Land und von Klinik zu Klinik unterscheidet, sehr variabel und auch sehr oft fragmentiert sein kann. Deswegen haben die EFIC und ESRA die Schmerzdiplome eingeführt, um die Ausbildung und Behandlung zu standardisieren, und dadurch eine bessere Qualität erreichen zu können. Die Qualität hängt offensichtlich nicht nur von dem Wissensstand. Es ist wichtig, in welchem Kontext dieses Wissen angewendet wird, damit wir bessere Outcomes haben. Und die Outcomes sind wiederum von der Wirksamkeit der medizinischen Maßnahmen, der Erfahrungen der PatientInnen und der Sicherheit des Umfelds, wo Menschen arbeiten und behandelt werden, abhängig. Deswegen ist die europäische Zusammenarbeit im Bereich der Schmerzmedizin extrem wichtig, wofür sich die nationalen und internationalen Gesellschaften engagieren.